Die Sammlung
Technische Orthopädie -Vom Ursprung einer berufs bezogenen Sammlung
Mehr als 500 medizintechnisch und zeithistorisch wertvolle und hochinteressante Objekte zur Geschichte der Technischen Orthopädie umfasst die bedeutende Sammlung des Orthopädie-Techniker-Meisters und früheren BlV-Vorstandsmitglieds Klaus Dittmer, die am 26. Februar dem Deutschen Hygiene-Museum Dresden im Rahmen einer Schenkung übergeben wurde. Zahllose Prothesen, Gehhilfen, Bandagen oder spezifische Werkzeuge erzählen die Geschichte einer Handwerkskunst, die vielen Menschen nach schweren Krankheiten oder Unfällen zu neuer Mobilität verhelfen hat. Der Berliner Sammler Klaus Dittmer hat seine Objekte aber immer auch als Zeugnisse der individuellen Schicksale ihrer Nutzer begriffen, die er akribisch aufgezeichnet hat.
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So werden beispielsweise die Beinprothesen von drei jungen Männern aus den 1930er- und 40er-Jahren zu sprechenden Dokumenten für den Terror der Nationalsozialisten auf der einen und die Schrecken des Zweiten Weltkriegs auf der anderen Seite. Dagegen erinnert die Unterschenkel-Fersenfeder-Orthese einer Frau an den Sprengstoffan¬schlag auf die Berliner Diskothek „La Belle" im Jahr 1986.
Das Deutsche Hygiene-Museum hat die medizinische, soziale und kulturelle Dimension von künstlichen Ersatzteilen für den menschlichen Körper verschiedentlich in seinen Ausstellungen thematisiert und eingesetzt, z. B. in „Fremdkörper - Fremde Körper", „Der (im)-perfekte Mensch" oder auch in der Dauerausstellung.
Mit der Sammlung Dittmer erweitert es seine Sammlung um einen weiteren Sonderbereich: Neben den beiden großen, zentralen Themenschwerpunkten „Geschichte der Gesundheitsaufklärung" und „Gesundheitspflege im Alltag" bestehen bereits Spezialsammlungen etwa zur Geschichte der Augenheilkunde (Sammlung Münchow) oder zur Geschichte der Schönheitspflege (Sammlung Schwarzkopf).
Mit der Übernahme der „Sammlung Dittmer" verfügt das Museum nun über einen umfangreichen Fundus von Exponaten, die zur wissenschaftlichen Bearbeitung, für zukünftige eigene Projekte bzw. für den Leihverkehr mit anderen Museen zur Verfügung stehen. Im Folgenden dokumentieren wir die Rede, die Klaus Dittmer anlässlich der Übergabe seiner Sammlung an das Hygiene-Museum gehalten hat.
Ich wuchs mit dem Berufsfeld meines Vaters
des Bandagisten-meisters Bruno Dittmer, auf. Am Gartenzaun in Berlin Wittenau, es war kurz nach Ende des Krieges, war ein erstes kleines Firmenschild vorhanden, das seine Berufsbezeichnung nannte. Es schien ein Beruf zu sein, in dem es möglich war, meinen ersten Schulranzen zu fertigen, Schürzen für uns Kinder zu nähen und Holzsandalen mit Gurtschlaufen herzustellen. In meiner Kinderzeit gab es keinen Spaziergang, ohne dass nicht Vater und die Familie auf der Straße begrüßt wurden, meist von Männern an Gehstützen oder mit humpelndem Gang. Bei Besuchen im Werkstattbetrieb des Vaters erlebte ich als Jugendlicher den besonderen Geruch der Werkstatt nach Leder und Holz, sah, wie Prothesen und Orthesen gefertigt wurden, und hatte keinen Zweifel daran, dass diese Tätigkeit auch mein Beruf werden würde.
Nach der Schulentlassung folgte ich dem väterlichen Rat,
eine Grundausbildung als Werkzeugmacher zu absolvieren, die damals das „Berufsamt" der Stadt anbot. Hier erhielt ich das Rüstzeug zum späteren Mechaniker in der Orthopädie. Nach einem lehrreichen Jahr wechselte ich zu meinem eigentlichen Ausbildungsbetrieb, dem Oskar-Helene-Heim in Berlin-Zehlendorf, eine orthopädische Fachklinik mit großer orthopädischer Werkstatt. Hier lernte ich schnell, dass mein familiärer Hintergrund kein Vorteil als Lehrling war und dass nur persönliche Leistung zählt.
Der Werkstattleiter und Lehrmeister Herr Rohrbach wusste zu fördern und zu fordern und spornte mich an, die Grundlagen der Orthopädie-Mechanik perfekt zu beherrschen. Sein und mein Erfolg war nicht nur eine gelungene Gesellenprüfung, sondern auch die Anerkennung als Landesbester im Leistungswettbewerb der Handwerksjugend 1962. Das damalige geographische und politische Umfeld, die Insel West-Berlin, vermittelte keine großen Zukunftsperspektiven.
Die Möglichkeit, die Insel zu verlassen, bot mir eine Gruppe der evangelischen Jugend. Wir planten, die USA zu entdecken und auch zu zeigen, dass eine Nachkriegsgeneration Verständigung und Toleranz erlernt hatte. Wie, um dies unter Beweis zu stellen, wurde für mich aus dieser Studienfahrt ein eineinhalbjähriger Aufenthalt mit einer Kurzausbildung in Sozialarbeit und der Tätigkeit als Volontär in einem Heim für indianische Problemkinder.
Neben dem einmaligen Erlebnis, die kulturelle Vielfalt und das soziale Gefüge der USA in den Sechzigern zu erleben, wurde mir aber auch klar, dass nur die Technische Orthopädie mein berufliches Ziel sein kann. Mein West-Berlin war in der Zwischenzeit zu einem Ort geworden, an dem auch bundesrepublikanische, gesellschaftspolitische Überzeugungen aufeinander trafen. Auch meine Bindungen zur evangelischen Jugend wurden mehr und mehr politisch geprägt.
Mein berufliches Ziel
war die Rückkehr an meinen alten Klinikbetrieb und die Tätigkeit in der „klinischen Orthopädie". Die Orthe-senfertigung für Poliopatienten sowie der Korsettbau nach Skolioseoperationen wurden meine Fertigungsschwerpunkte. Da diese Arbeitsbereiche viele mechanische Feinheiten beinhalten, die für korrigierende Nachjustierungen notwendig sind, ergänzten sich ideal die Orthopädie und meine Fähigkeiten in der Mechanik. Im Sommer 1967 wurden gerade diese Tätigkeitsmerkmale für ein deutsches Entwicklungshilfeprojekt in Tunesien benötigt.
Durch „Dienste in Übersee", der personellen Entwicklungshilfe der evangelischen Kirche, die mich förderte, war ab 1968 mein neuer Arbeitgeber die Republik Tunesien und mein neuer Arbeitsplatz ein aus französischer Protektoratszeit stammendes Militärhospital in EL Om-rane, einem Ortsteil der Hauptstadt Tunis. Die Projektaufgabe bestand im Aufbau eines nationalen Netzes Orthopädie-technischer Konsultationen in bestehenden Kliniken, der Einrichtung von Werkstätten und der Ausbildung von Fachkräften.
Der Schwerpunkt unserer Werkstattarbeit
lag in der Anfertigung von Orthesen, hauptsächlich für polioerkrankte Kinder, damit diese die Schulen besuchen konnten. Das Leben mit meiner Familie von 1968 bis 1971 in einer islamisch-arabischen Kultur war ein Geschenk mit tiefen Eindrücken, die lebenslang Bestand haben. Ich muss anfügen, dass unser Projekt zu einem festen Bestandteil des Gesundheitssystems der Republik Tunesien geworden ist und heute ein Teil des Sozialversicherungssystems des Lan¬des ist.
Mein Vater wartete mit seinem Betrieb auf meine Rückkehr und ich auf einen neuen Entwicklungsauftrag in Berlin. Orthopädische Kinderversorgungen waren mein Metier, angepasste Lösungen zu fertigen das neue Profil des Betriebes. Speziell für Kinder mit dem angeborenen Rückenmarksdefekt „Spina bifida" entwickelten wir Liege-, Steh-und Gehorthesen, die dem Alter, der Lähmungsebene und der Indikation angepasst sind, und veröffentlichten die ersten Ergebnisse 1988.
In der Korsetttherapie für muskelkranke Patienten entwickelte ich mit meinen Mitarbeitern stabilisierende Rumpforthesen. Die Aufgabe dieses Korsetttyps ist die Begrenzung der sich verstärkenden Skoliosen und der Erhalt des Atemvolumens als vorrangigestherapeutisches Ziel. Progrediente Krankheitsbilder mit zunehmenden Versorgungsschwierigkeiten, aber auch der Bau von Arm- und Beinprothesen bei altersbedingten Bewegungseinschränkungen, erfordern stets neue Lösungen bei sich verringernder Mobilität der Patienten.
Für die Arbeitssystematik im Werkstattalltag werden Aufzeichnungen
über Körpermaße, Konstruktionsmerkmale und Mobilitätsgrade erstellt. Diese Aufzeichnungen, zusammen mit Gipsmodellen und Baumustern wie z. B. durch Neuanfertigungen ersetzte Orthesen und Prothesen, bilden einen wertvollen Fundus für die orthopädische Werkstatt. Diese individuell gefertigten Hilfsmittel aus den unterschiedlichsten Fertigungsbereichen waren der Beginn meiner Sammlung.
Anfangs war es nur die technische Entwicklung in der Prothetik, die ich dokumentieren wollte, doch schon dieser Schritt zeigte mir, wie komplex ein Thema sein kann und dass ich eine eigene Systematik finden musste. Neben der Weite des Themas wurde mir auch das Schicksalhafte der Verletzungen und Behinderungen bewusst. Dieser Aspekt, den ich mit meinem Blick für das gegenwärtig Machbare verdrängt hatte, wurde mir erst mit dem Aufbau der Sammlung klar.
Jede Prothese und Orthese individuell für eine Einzelperson gefertigt,
steht ohne Zweifel in enger Beziehung zum Schicksal des Patienten, seinem Krankheitsbild oder der glückhaften Rettung als Schwerverletzter auf einem Hauptverbandsplatz des Krieges. In den Aufbau der Sammlung zur Technischen Orthopädie sind diese Hintergründe eingeflossen. Ich habe dazu viele Gespräche geführt, Fragen gestellt und auch unterlassen, denn wie leicht wird schon vergessener Schmerz wieder wachgerufen. Der Umfang der dem Deutschen Hygiene-Museum übergebenen Sammlung umfasst beinahe alle Bereiche, in denen die Technische Orthopädie und Bandagen zum Einsatz kommen können.
Es sind Prothesenfertigungsteile wie Kunsthände, Füße, Prothesen, Kniegelenke und Gelenkschienen für alle Amputationsebenen. Ein Schwerpunkt sind Orthesen für den Rumpf, deren Anwendung durch neuartige Implantate sicher geringer wird. Beinorthesen befinden sich im starken technischen Wandel, denn auch Krankheitsbilder verschwinden, wie die Coxeitis, oder werden nach neuen Erkenntnissen versorgt, wie der angeborene Klumpfuß.
Zu diesen Entwicklungen gibt es Beispiele älterer und zeitgemäßer Versorgungen. Zu allen Fertigungsabläufen gehören Maschinen, Werkzeuge, Aufbaugeräte und Probierhilfen, die ebenfalls dem gleichen Wandel unterliegen. Die Sammlung wäre deshalb nicht komplett ohne diesen zeitlich teilweise weiter zurückreichenden Bestand.
Hierzu gehören Ziehklingen, mit denen Holzoberschäfte für Oberschenkelprothesen ausgearbeitet wurden. Auch mein Schmiedeamboss, Gesenke, Hämmer und Zangen gehören dazu. Mit diesen Werkzeugen entstand 1973 ein Teil meiner Meisterprüfungsarbeit. Das Berufsbild der Orthopädie-Technik ist wie jeder paramedizinische Beruf Veränderungen unterworfen. Aus den zwei traditionell partnerschaftlichen Berufen Orthopädie-Mechaniker und Bandagist wurde 1997 der eine Beruf des Orthopädie-Technikers mit den Ausbildungsschwerpunkten Orthetik, Prothetik und Banda¬gentechnik.
Dieser berufliche Wandel ist mit eigenen Exponaten belegt, Gegenständen wie Prothesenteile, Schienen und Bandagen, die als Ausbildungsstücke gefertigt wurden. Zusammengenommen wurde dem Deutschen Hygiene-Museum eine Sammlung übergeben, die ca. 60 Jahre Technikgeschichte der Orthopädie in Deutschland recht umfassend dokumentiert. Natürlich gibt es auch Lücken, die ein profunder Kenner der Materie finden wird.
Diese zu schließen bleibt eine Aufgabe für die Zukunft. Ich bin überzeugt, dass es in der Obhut des Deutschen Hygiene-Museums die Möglichkeit gibt, an Fragestellungen zu medizinischtechnischen und politisch-sozialen Themen zu arbeiten. Wenn ich hierzu auch weiterhin einen Beitrag leisten kann, dann hat sich die Leidenschaft eines sammelnden Orthopädie-Technikers erfüllt.
Die „Sammlung Dittmer"
Die Sammlung von Klaus Dittmer umfasst mehr als 500 Objekte und doku¬mentiert ca. 80 jähre Technikgeschichte der Orthopädie in Deutschland. Sie zeichnet dabei nicht nur die Entwicklung der Medizintechnik, sondern auch Zeitgeschichte anhand von Biografien nach. Zur Sammlung gehören:
- Prothesenfertigungsteile für alle Amputationsebenen: Handpassteile, Arbeits- und Greifgeräte, Unter- und Oberarmprothesen, Fuß- und Kniepassteile, Fußprothesen, Unter- und Oberschenkelprothesen, Knie- und Hüftexartikulationsprothesen, Bein- und Armstumpfschützer
- Finger- und Handorthesen, Unter- und Oberarmorthesen, Schultergelenkorthesen, Fußorthesen und -einlagen, Unter- und Oberschenkelorthesen, Knie- und Hüftgelenkorthesen, Rumpf- und Halsorthesen, Beckenorthesen
- Arm-Bein-Rumpfbandagen, Bandagen bei Prolaps und Hernien, Bandagen bei Hüftluxationen, Kompressionsstücke und -Strümpfe, Stoma-Bandagen, Urinale, Pessare und Epithesen
- Stöcke, Stützen und Gehhilfen, Stehhilfen, Sitzschalen, Krankenfahrzeuge, Therapieräder, Bad- und Toilettenhilfen
- Fertigungsteile zu allen Bereichen, Aufbaugeräte, Spezialwerkzeuge, Ersatzteile, auch Ausbildungsarbeiten
- Literatur, Produktbeschreibungen und Patente.
Zu den ältesten Stücken der Sammlung zählen die um 1900 gefertigten Gehstöcke. Das jüngste Objekt ist eine Unterschenkel-Modular-Prothese aus dem jähr 2004.

