Ortho-Ped Dittmer
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Berlin-Wilmersdorf

Petö

OMM Klaus Dittmer beschäftigt sich intensiv mit den Reha-Methoden des ungarischen Arztes Dr. Andras Petö
Klaus Dittmer

Als Anfang der achtziger Jahre in Berlin mit dem Ausbau der Spastikerhilfe begonnen wurde, wuchs das Interesse von OMM Klaus Dittmer an spezifischen Hilfsmitteln für zerebral geschädigte Kinder. Sie gehörten schon damals zu den Patienten seines Sanitätshauses, welches auf die Entwicklung und Fertigung technischer Rehabilitationsmittel der Kinderversorgung spezialisiert ist.

Verbunden mit diesem Interesse war für OMM Klaus Dittmer auch die eigene Erkenntnis, dass nach damaligem Stand auch die optimale therapeutische Versorgung bestenfalls den Status quo erhalten kann. Bald wurden andere Methoden aus Ungarn bekannt, mit zerebral geschädigten Kindern zu arbeiten. Die Petö-Methode schwappte nach Berlin, jetzt erst, obwohl schon 1952 in Budapest das Petö-Institut seine Arbeit aufnahm. Anlass für Dittmer, mehr über die Förderungsmethoden der konduktiven Pädagogik nach Dr. Andras Petö erfahren zu wollen.

Inhalt eines Therapieansatzes
Sprossenstuhl

Das Lebenswerk Dr. Petös, er starb 1967 im Alter von 73 Jahren, besteht in der Methode, Therapie und Pädagogik miteinander zu vernetzen. Ihm war der behinderte Mensch mit seinen Fehlsteuerungen wichtiger als die Symptome seiner Krankheit. Die Persönlichkeitsentwicklung des behinderten Kindes stand für ihn im Vordergrund. Weil Denk- und Bewegungsstrukturen auch beim behinderten Kind eng miteinander verbunden sind, gilt es, die Bewegungsabläufe zu verändern und damit zu verbessern. Denken und begreifen hilft bei der Aneignung neuer Bewegungsabläufe. Sie müssen jedoch samt ihrer motorischen Probleme gedanklich geplant und verarbeitet werden. Mit Hilfe vielfältiger pädagogischer Anregungen und Tätigkeitsserien aus dem täglichen Leben kann sich nach und nach auch die Qualität der aktiven Bewegungsabläufe verbessern. Dabei werden Sprache und aktivierende Möbel als Hilfsmittel planmäßig eingesetzt.

Petö-Möbel = Hilfsmittel

OMM Klaus Dittmer nahm 1985 Kontakt zum Petö-Institut in Budapest und zu einer Integrationschule in Szeged auf. Im Ergebnis dieser Beziehungen konnte Dittmer das System der aktivierenden Petö-Möbel übernehmen und sie als Hilfsmittel weiter entwickeln. Sie stellen eine Art Koordinatensystem dar und sollten zweckmäßigerweise in einem besonderen Übungsraum eingesetzt werden. Es gibt dort feste Orientierungspunkte, so dass die Bewegungsabläufe geplant werden können. Außerdem erleichtert die optische Orientierung die Bewegungsplanung. Dabei werden Sprossen-Stühle und Sprossen-Pritschen eingesetzt, die den Kindern ein Festhalten ermöglichen und damit die Eigeninitiative fördern.

Bei allen unterschiedlichen Fähigkeiten
Sprossentisch

lernen Kinder schnell voneinander. Die gegenseitige Vorbildwirkung ist groß. Deshalb hat Dr. Petö immer mit Gruppen gearbeitet, weil eine Gruppe mit gleichen Einschränkungen stärker motiviert als die Forderung eines Erwachsenen. Der Einsatz der von Klaus Dittmer weiterentwickelten Hilfsmittel - sie sind nun auch höhenverstellbar - hilft den Kindern, sich trotz zerebral-paretischer Einschränkungen horizontal und vertikal festzuhalten. Damit ist eine Vorstufe zum freien Sitzen erreicht. Durch das symmetrische Festhalten an einer Lauflernleiter bei ausgestreckten Armen und korrekt platzierten Beinen lernt das Kind

  • seine Streck- und Beugespasmen zu regulieren,
  • die pathologischen Nackenreflexe zu vermindern,
  • die assoziierten Bewegungsreaktionen zu mindern,
  • die Augen-Handkoordination zu verbessern, sowie die Handgeschicklichkeit zu perfektionieren.


Technische Orthopädie oder die Kunst, dem Schicksal Flügel zu fertigen

Mit der ersten technischen Revolution im Heiligen Römischen Reich deutscher Nation, mit den Erfindungen des „Nürnberger Eis'", des Buchdrucks und der Radschlossmuskete werden Messerschmiede und Schwertfeger zu Kunsthand¬werkern, die auch ärztliche Instrumente fertigen. Später folgen die ersten orthopädischen Hilfsmittel, wie die eiserne Hand des Götz von Berlichingen (1480-1562), dem nach einer Schussverletzung mit 24 Jahren die rechte Hand amputiert wurde. Erst die Bedeutung des menschlichen Blutkreislaufes und der Verschluss der großen Blutgefäße bei Amputation gaben dem Verletzten eine Überlebens¬chance Dies erklärt, dass erst mit den Napolionischen Kriegen ein größerer Bedarf an Prothesen entstand. Die Manufakturherstellung dieser sehr individuellen Hilfsmittel betraf alle Bauteile und die Anpassung an die Bedürfnisse des Versehrten.

Die technischen Umwälzungen der vergangenen 200 Jahre veränderten die Sicht auf den Menschen, seinen Bewegungsabläufen und seinen Behinderungen. Diesen Erkenntnissen folgend entstanden orthopädische und prothetische Versorgungslinien, die heute einem Menschen mit eingeschränkter Mobilität im wahrsten Sinne Flügel verleihen.

Somit wird ein Aufrichten aus dem Kniestand möglich.

Sprossentische und Pritschen ermöglichen es, dass die Kinder sich selbst auf die Pritschen ziehen können, um ein Übungsprogramm zu absolvieren. Sprossenstühle dienen als Sitzgelegenheit, die Sprossenlehne als Aufricht- und Führungshilfe. Alle Hilfsmittel sind aus Buche, Carolina-Pine und birkenfurniertem Schichtholz gefertigt. Alle Kanten sind abgerundet und können leicht von Kinderhänden umfasst werden.

Erfolge
Sprossentisch

Klaus Dittmer ist wohl der einzige Orthopädie-Fachmann Deutschlands, der sich mit den Reha-Methoden nach Dr. Petö intensiv beschäftigt. Für die Herstellung der von ihm weiterentwickelten Hilfsmittel und zur Realisierung eigener Entwürfe fand er in Sachsen-Anhalt die kleine aber flexible Tischlerwerkstatt einer ehemaligen landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaft. Sie garantiert beste Verarbeitung, feine Oberflächen und ökologisch unbedenklichen Materialeinsatz.

Beispielhaft nach der Methode der konduktiven Förderung geht neben vielen anderen die Körperbehinderten-Schule in Neubrandenburg M/V vor. Mit ärztlicher Betreuung arbeiten dort zwei Vorschul- und zwei Grundschulklassen nach der Petö-Methode. In den Jahren 1996 bis 2001 entstand ein Modell-Projekt im Auftrag des Verbandes der Angestellten-Krankenkassen und des Instituts für soziale Pädiatrie und Jugendmedizin der Ludwig-Maximilians-Universität in München.

VORGESTELLT: DIE LEHRE DES DR. PETÖ

Dr. Andras Petö, 1883 in der westungarischen Stadt Szombathely geboren, studierte 1911 bis 1916 in Wien Medizin. Mit dem Anschluss Österreichs an Nazi-Deutschland verlies Dr. Petö Wien und emigrierte nach Paris. 1938 in seine Heimat zurückgekehrt, entwickelte er sein System der konduktiven Pädagogik. Nach Ende des zweiten Weltkrieges begann für Dr. Petö ein neuer Abschnitt seiner medizinischen Tätigkeit. Mit einer Professur an der Budapester Hochschule für Heilpädagogik ausgestattet, eröffnete er 1952 ein eigenes Institut, das Nationale Institut für Bewegungstherapie.

Petös pädagogisch therapeutischer Ansatz beschäftigt sich gleichzeitig mit Körper und Seele behinderter Kinder, was bedeutet, dass ihm der Mensch mit seinen Fehlsteuerungen wichtiger war als die Symptome seiner Krankheit. Im Mittelpunkt seiner Pädagogik steht das Kind mit seinen geistigen und körperlichen Einschränkungen und Fehlsteuerungen. Dr. Petö hat Wege zu Rehabilitation zerebralparetischer Kinder aufgezeigt, denn, so seine Fragestellung, „wie kann ein Kind, dessen Erlebniswelt bislang nicht normal war und dem es schwer fällt, seine Umwelt zu verstehen, einen Lernprozess durchmachen".

Damit schuf Dr. Petö auch ein völlig neues Berufsbild. Die „Konduktorin" vereint in sich die Aufgaben einer Lehrerin, einer Therapeutin und einer Bezugsperson. Dem behinderten Kind wird ein Maximum an Lernmöglichkeit und Kontinuität im Tagesablauf angeboten. Auch das schwerbehinderte Kind, so Dr. Petö, hat die Fähigkeit zur Lernerfahrung, die besonders mit Fröhlichkeit und persönlicher Zuneigung geweckt werden kann.

weitere Veröffentlichungen
Selbstständigkeit durch Konduktive Förderung
(not 3/2007)

Beispiele individueller Orthesen- und Prothesenversorgungen aus den vergangenen 60 Jahren verdeutlichen die enormen Entwicklungen von den selbst geschmiedeten Stahlschienen einer Orthese zu den Karbonfeder-Prothesen der Paralympic-Teilnehmer. Spezialwerkzeuge, statische Prothesenaufbauhilfen und Fertigungsmaschinen gehören zu einer umfassenden technischen Sammlung. Fast 100 Exponate geben einen Überblick und einen Einblick in die Technik der technischen Orthopädie, die ohne handwerkliches Geschick nicht erfolgreich ist um die „Schnittstell" zwischen Mensch und Hilfsmittel zu gestalten.

Die Wiederherstellung verloren gegangener Fähigkeiten ist ein hochaktuelles Thema mit vielen Nebenaspekten. Gerne würde ich die Gelegenheit zu einer Ausstellungsbeteiligung wahrnehmen und stehe gerne den Kuratoren beratend zur Verfügung.

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